Verstößt in MehrKill's Absurdistan gegen die Scharia Richtlinien.

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"Es kann schnell passieren, dass ihr auf der anderen Seite sitzt"

Hartz IV: Wie eine Arbeitsvermittlerin die Kunden sieht

Kämpft vor allem gegen Vorurteile: die Jobvermittlerin
(Foto: Illustration Jessy Asmus)
Veronika L. hilft Menschen, Arbeit zu finden. Was ihr dabei am meisten zu schaffen macht, erklärt die Jobberaterin in einer Folge von "Wie ich euch sehe". 

Von Hannah Beitzer
 
In unserer Serie "Wie ich euch sehe" kommen Protagonisten unseres Alltags zu Wort - Menschen, denen wir täglich begegnen, über die jeder eine Meinung, aber von denen die wenigsten eine Ahnung haben: eine Wiesnbedienung, ein Pfarrer, die Frau an der Supermarktkasse. Sie teilen uns mit, wie es ihnen ergeht, wenn sie es mit uns zu tun bekommen - als Kunden, Gäste, Mitmenschen. Diesmal erklärt Arbeitsvermittlerin Veronika L. warum sie nie das Wort "Hartz IV" verwendet - und manche ihrer Kunden sie wütend machen. 

Du betreust also die Faulenzer: Solche Sätze höre ich leider oft. Seit zwei Jahren arbeite ich als Arbeitsvermittlerin in der Agentur für Arbeit und betreue dort Menschen, die Arbeitslosengeld II bekommen. Den Begriff "Hartz IV" verwende ich nie, weil er Menschen stigmatisiert - als "Hartzer". Für mich seid ihr Kunden. Wie groß die Vorurteile euch gegenüber sind, schockiert mich auch nach zwei Jahren noch.

Und euch anderen, die noch nie mit jemandem wie mir zu tun hattet, sage ich: Es kann schnell passieren, dass ihr auf der anderen Seite sitzt. Ich betreue 200 Kunden und höchstens fünf davon sind das, was ihr vielleicht als "faul" bezeichnen würdet. Einmal kam zum Beispiel ein Taxifahrer zu mir, der 30 Jahre gearbeitet hat, dann zwei Herzinfarkte hatte und keine Menschen mehr befördern durfte. Er saß in meinem Büro und hat geweint, weil er sich so geschämt hat: "Ich konnte immer meine Familie ernähren und nun muss ich Hilfe vom Staat annehmen." Solltet ihr einmal in einer solchen Situation sein, dann denkt daran: ihr habt ein Recht darauf, dass ich euch helfe. Immerhin habt ihr oft jahrelang in das Sozialsystem eingezahlt, jetzt bekommt ihr eben etwas zurück.

Aber die Scham sitzt bei fast allen Kunden tief. Zum Beispiel betreue ich viele junge alleinerziehende Frauen. Ihr, liebe Leser, kennt eine von ihnen womöglich. Ihr seht sie, wenn ihr zu Aldi oder Lidl oder Müller einkaufen geht. Da sitzen meine Kundinnen nämlich an der Kasse. Die meisten von ihnen können nur Teilzeit arbeiten, weil sie an die Zeiten der Kinderbetreuung gebunden sind und die Väter sich nicht um die Kinder kümmern. Als Teilzeit-Kassiererin verdient man aber nicht genug, um eine kleine Familie zu versorgen. Das sind dann die berühmten "Aufstocker", von denen oft die Rede ist.

Die wenigsten Menschen, die jeden Tag an diesen Frauen vorbei gehen, wissen um ihre Situation. Sie führen ein regelrechtes Schattendasein in dieser Gesellschaft oder werden schief angesehen: Was muss die denn auch ein Kind haben, wenn sie keinen Mann hat? Aber, liebe Mütter: Niemand darf euch das Recht absprechen, ein Kind zu haben. Niemand darf euch dafür verurteilen, dass der Vater des Kindes sich nicht kümmert.

Das Selbstwertgefühl der Leute, die zu mir ins Büro kommen, ist oft niedrig. Drohen muss ich den meisten deswegen nicht. Im Gegenteil, ich muss ihnen gut zureden: Ihr dürft hier sein, das ist keine Schande. Ich unterstelle den Menschen immer erst einmal, dass sie tun, was sie können, um ihre Situation zu verbessern. Manche haben schlichtweg nicht die intellektuellen Fähigkeiten, eine Ausbildung zu machen. Früher hätte man sie vielleicht "Dorftrottel" genannt, sie hätten einfache Tätigkeiten verübt, zum Beispiel in der Schuhfabrik die Sohlen in die Schuhe gelegt. Heute aber gibt es immer weniger solcher Hilfsjobs, die meisten werden von Maschinen erledigt. Und die Menschen sitzen bei mir.

Ich frage dann immer: Was macht Ihnen Spaß? Neulich erzählte mir ein Kunde, dass er gerne Holz und Blätter im Wald sammelt und damit bastelt. Also habe ich ihm einen Ein-Euro-Job bei einem Schreiner vermittelt, dort schmirgelt er jetzt Holz ab. Ihr anderen fragt euch jetzt vielleicht: Warum macht er denn keine Ausbildung bei dem Schreiner? Ich verstehe diese Frage. Ich selbst habe studiert, fast 15 Jahre im Personalwesen gearbeitet, bin einen ziemlich geraden Weg gegangen. Da kann man es sich schlecht vorstellen, dass bei manchen Menschen eben keine Ausbildung drin ist. Aber ich habe gelernt: Diese Menschen hat es immer gegeben und wird es immer geben - und sie haben genauso ein Recht auf eine würdevolle Behandlung wie Ihr und ich.

Manche Kunden machen mich wütend

Doch ich habe auch Kunden, die mich richtig wütend machen. Junge Männer zum Beispiel, die noch bei Mama und Papa wohnen, in meinem Büro das neueste iPhone auf den Tisch legen, Markenklamotten tragen, die ich mir nie leisten könnte. Und mir dann wortreich erklären, warum sie leider wieder keine Bewerbungen schreiben konnten. Da frage ich mich schon: Was legt ihr denn für ein Anspruchsdenken an den Tag? Die ganze Welt ist schuld, nur ich nicht - mit dieser Haltung werdet ihr nicht weit kommen.

Wenn sich jemand gar keine Mühe gibt, dann verhänge ich Sanktionen, so, wie es auch vom Gesetzgeber vorgesehen ist. Häufig beschimpfen mich dann die Kunden, werden persönlich. Dazu kann ich nur sagen: Das Problem gehört dem, der es macht - und ihr habt Euch das Problem selbst gemacht.

Schwierig ist auch die Arbeit mit Suchtkranken, das nimmt mich sehr mit. Ich betreue gerade zwei schwere Alkoholiker, bei denen ich weiß: Sie werden bald sterben. Zu einem habe ich neulich gesagt: "Ich fürchte mich vor dem Tag, an dem ich den Anruf kriege, dass Sie nicht mehr sind." Er hat mich nur mit großen Augen angesehen. Ich weiß, dass er trotzdem am nächsten Morgen zum Supermarkt geht und sich seine fünf Flaschen Rotwein kauft.

Es gibt aber auch Fälle, die mir Freude bereiten, die mich sogar beeindrucken. Zum Beispiel saß mir einmal eine Frau gegenüber, die war 42 Jahre alt, wie ich. Sie kam aus Marokko, sprach kein Deutsch, hat mit 17 Jahren ihr erstes Kind bekommen, von einem gewalttätigen Mann, der sie buchstäblich an den Herd fesselte. Menschen, die kein Deutsch sprechen, einen Job zu vermitteln, ist sehr schwer. Ab einem gewissen Alter schaffen es viele auch nicht mehr, die Sprache zu lernen, sich zu integrieren. Die Frau war jedoch blitzgescheit, sehr intelligent. Sie hat es tatsächlich geschafft, sich von ihrem Mann zu trennen.

Ich habe noch nie einen Menschen so schnell Deutsch lernen sehen! Inzwischen macht sie eine Ausbildung zur Erzieherin. Eines Tages fragte sie mich: "Wo finde ich denn Freundinnen? Ich will mich mit anderen Frauen treffen!" Ich arbeite auf dem Land. Also habe ich ihr vorgeschlagen, sich an die Landfrauen zu wenden. Und jetzt steht sie mit ihrem Kopftuch auf dem Markt zwischen den Landfrauen und verkauft selbstgehäkelte Topflappen.

All diese Erlebnisse machen mir bewusst, wie unterschiedlich Leben verlaufen können - und wie wenig Menschen manchmal dafür können, dass sie vor mir sitzen. Denn die Startbedingungen sind nicht für alle Menschen gleich und manchmal passieren Dinge im Leben, die sich niemand wünscht.
Das solltet ihr, die ihr vielleicht das Glück habt, noch nie arbeitslos gewesen zu sein, euch auch bewusst machen. Ihr könnt von der Straßenbahn überfahren werden und danach berufsunfähig sein. Eine hässliche Scheidung durchmachen. Von Arbeitskollegen gemobbt werden. Und in der Folge euren Job verlieren. Ich will natürlich nicht, dass ihr euch ständig Sorgen macht - aber wenn so etwas geschieht, dann wärt ihr auch froh, wenn euch jemand hilft und euch nicht als Faulenzer oder Hartzer beschimpft.


Quelle