Kurznachrichten

Medien: Berichterstattung & Information - oder Manipulation & Volks-Umerziehung?


Das Problem der Medien Journalismus ist kein Umerziehungsprogramm



Die Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der USA, der überlange Präsidentschaftswahlkampf in Österreich, die Ernüchterung über die „Willkommenskultur“, das Erstarken der Rechten in West- und Mitteleuropa, der massive Glaubwürdigkeitverlust der Politik und von sonst fast allem, was irgendwie nach „Establishment“ riecht: All das, darüber herrscht inzwischen kaum noch Zweifel, hat auch mit den Medien zu tun.

Aber was genau hat es eigentlich mit „den“ Medien zu tun? Was ist das Problem der Medien, und gibt es das überhaupt, „die Medien“?

 

Geschäftsmodell-Problem

Nun, die klassische Medienindustrie – und so könnte man „die Medien“ am ehesten fassen – hat in der Tat ein ökonomisches Problem. Das alte Print-Geschäftsmodell – eine Mischkalkulation aus den Gebühren treuer Abonnenten und den Gebühren von Unternehmen, die an diese treue Leserschaft Werbebotschaften versenden dürfen – funktioniert nicht mehr. Das neue Digital-Modell – irgendeine Mischung aus Werbeerlösen für reichweitenstarke Websites und Gebühren für besondere, sonst nirgendwo verfügbare Inhalte – funktioniert noch nicht so richtig. Die Internetgiganten Google und Facebook saugen auch aus dem TV immer mehr Werbeerlöse ab.

Das führt dazu, dass die großen Medienhäuser weltweit eher sparsam mit ihren Personalressourcen umgehen, was wiederum dazu führt, dass es immer weniger von dem gibt, was man im angelsächsischen Raum „original reporting“ nennt, also Information aus erster Hand, Vor-Ort-Berichterstattung.

 

„Gleichschaltung“

Das bedeutet, dass die Medien einander immer ähnlicher werden, weil sie immer öfter auf Agentur-Material zurückgreifen. Die Websites der überregionalen deutschsprachigen Medien wären, würde man sie unter „white labels“ laufen lassen, also ohne ihr typischen Aussehen, das durch Farbcodes und das jeweilige Logo dominiert wird, voneinander kaum bis gar nicht unterscheidbar. Das unterstützt den Eindruck der „Gleichschaltung“, den immer mehr Medienkonsumenten haben, auch dort, wo es zunächst noch überhaupt nicht um Tendenz oder Meinung geht.

Dieses Geschäftsmodell-Problem wird leider noch längere Zeit nicht flächendeckend gelöst werden, was bedeutet, dass sich der Eindruck der „Gleichschaltung“ verfestigen und vielleicht noch verstärken wird. Die Medienhäuser, die noch über das Kapital und den Mut verfügen, das eine oder andere Experiment – zum Beispiel Anstrengungen im Bereich „original reporting“ – zu wagen, sind auf dieser Reputationsebene in einer besseren Ausgangsposition als jene, die eigentlich keine andere Wahl mehr haben, als sich durch immer neue Einsparungs- und damit auch „Gleichschaltungs“-Wellen so lange am Leben zu erhalten, bis entweder ein Wunder geschieht oder es eben aus ist.

 

Abnehmende Bereitschaft, die Realität zu akzeptieren

Mit dem „Problem der Medien“, das im Zuge der sich – plötzlich? oder doch schon länger? – abzeichnenden Verschiebungen des gesellschaftlichen und politischen Schwerpunkts hin zu tendenziell extremeren Positionen sichtbar wurde, hat dieses Grundproblem der Medienindustrie nur insofern zu tun, als sich das „Gleichschaltungs“-Motiv, das zunächst aus ökonomischen Gründen entsteht, auf der inhaltlichen Ebene wiederholt. 

Es äußert sich in der rasant abnehmenden Bereitschaft von immer mehr Journalisten, die Realität als Realität zu akzeptieren und zu beschreiben. Stattdessen dominiert der Versuch, das aus ihrer Sicht Wünschenswerte so stark zu machen, dass es die unangenehme Realität überwiegt.

Wie das geht, hat dieser Tage der Österreichische Presserat eindrucksvoll dokumentiert. Er veröffentlichte eine Handreichung für den journalistischen Umgang mit dem Thema Flüchtlinge und Kriminalität. Hier die Empfehlungen im Wortlaut:
  • Würde ich über ein Fehlverhalten auch dann berichten, wenn es nicht von einem Ausländer/Asylwerber/Migranten gesetzt worden wäre?
  • Habe ich das Thema ausreichend recherchiert, gehen meine Quellen über bloße (Internet-)Gerüchte hinaus?
  • Habe ich jene Fakten präsentiert, die für eine umfassende und ausgewogene Darstellung meines Themas notwendig sind?
  • Habe ich geprüft, ob durch meine Berichterstattung/meine Wortwahl/meine Fotoauswahl Vorurteile verstärkt werden?
  • Habe ich geprüft, ob ich Informationen, die Vorurteile schüren könnten, weglassen kann, ohne den Sinn und den Wahrheitsgehalt der Geschichte zu verändern oder das Verständnis der Leserinnen und Leser zu beeinträchtigen?
  • Habe ich geprüft, ob bestimmte Informationen nicht andere Absichten konterkarieren (z.B. keine Nennung von Herkunft, aber Nennung eines auf einen Ausländer deutenden Vornamens)? Anmerkung: Die bloße Nennung der Herkunft eines (mutmaßlich) straffällig gewordenen Ausländers/Asylwerbers/Migranten ist nach der gängigen Praxis der Senate des Presserats kein Ethikverstoß. Dennoch sollten Journalisten abwägen, ob es im konkreten Fall für das Verständnis der Leserinnen und Leser erforderlich ist, die Herkunft anzuführen.
  • Habe ich überlegt, ob durch meine Berichterstattung/meine Wortwahl/meine Fotoauswahl jemand gekränkt oder beleidigt werden könnte?
  • Bin ich mir im Klaren darüber, welche Absichten meine Hinweisgeber/Recherchequellen verfolgen?
  • Kann ich zu dem Thema ein Internet-Forum eröffnen, ohne befürchten zu müssen, dass die Diskussion entgleist?
  • Bin ich sicher, dass ich keine außerjournalistischen Gründe habe, ausgerechnet dieses Thema aufzugreifen?
Man muss den Autoren, um zu verstehen, was da passiert, nur eine Frage stellen: Wären sie bereit, eine gleichlautende Handreichung auch für den journalistischen Umgang mit Norbert Hofer zu publizieren?

 

Neuer Qualitäts-Algorithmus



Wenn man sich diese Dokumentation des Bewusstseinsstandes eines Selbstkontroll-Organs der österreichischen Medien vor Augen führt, muss einen der Rest eigentlich nicht wundern. Es würde dann schon reichen, sich nacheinander die „Puls 4“-Interviews mit den Kandidaten Hofer und Van der Bellen anzusehen oder das jüngste Falter-Cover zu studieren. Beides spricht überhaupt nicht gegen die erwähnten Medien: Es handelt sich um private Unternehmen, deren Eigentümer selbstverständlich das Recht haben, ihre Meinung zu politischen Prozessen zu publizieren.

Problematisch daran ist nur, dass sich innerhalb der journalistischen Blase, die sich in den sozialen Medien, in Österreich vor allem auf Twitter, etabliert hat, das Narrativ festgesetzt hat, dass das Haben dieser Meinung der einzige anerkannte Ausweis für das Vorhandensein von kritischem Qualitätsjournalismus ist. 

Der Algorithmus geht ungefähr so: Qualität ist, was ZiB2-Anchor Armin Wolf und der Rest des auch analog amtierenden Twitter-Stammtischs gut findet, und wer sich im Rahmen der daran anschließenden Bestätigungs-Notifikationen durch besonders originelle Zustimmung hervortut, hat die Chance, als Talent zu gelten.

 

Selbstkritik, die in die Irre führt

International hat nach dem Trump-Sieg eine Welle der medialen Selbstkritik eingesetzt, die leider in die Irre führt. Die gängige Behauptung, „die Medien“ würden von der Realität da draußen nichts mehr mitkriegen, weil sie nicht mehr genug Leute haben, die rausgehen, gibt es keinen Beleg. 

Sie hätten einfach nicht mitbekommen, bekennen die Digital-Flagellanten, dass da draußen in der wirklichen Welt anders gedacht wird als in den Zeitungsredaktionen – und merken schon auch an, dass der Neoliberalismus mit seinen journalistischen Sparprogrammen dran schuld ist. Aber jetzt wolle man die Wütenden, die falsch wählen, ernst nehmen, mit ihnen sprechen, sie zu Wort kommen lassen.

Die 95 Prozent der amerikanischen Journalisten, die für Hillary und gegen Trump waren, wussten natürlich genau, was da draußen los ist, so wie es auch die 95 Prozent der österreichischen Journalisten wissen, die für Van der Bellen und gegen Hofer sind. Die These, die Medien hätten den Wahlausgang falsch eingeschätzt, weil sie den Kontakt zu den Menschen da draußen verloren hätten, ist einfach Quatsch. 

Natürlich wissen die, was da draußen los ist – selbst die am weitesten danebenliegenden Prognosen für die US-Wahl legten ja nahe, dass Trump fast so viele Stimmen kriegen würde wie Hillary –, sie dachten nur, dass ihr Umerziehungsprogramm, das sie „kritischen Journalismus“ nennen, greifen und der Vernunft doch noch zum Sieg verhelfen würde.

 

Falsch-Wählen in der Filterblase?

Der österreichische Präsidentschaftswahlkampf unterscheidet sich in dieser Hinsicht kaum vom amerikanischen. Und auch der zweite gängige, folgenschwere Irrtum in der Einschätzung der zeitgenössischen Medienrealität wird hier wie da geteilt: dass die Menschen draußen heute in so großer Zahl falsch wählen – „gegen ihre Interessen“, sagen die Umerzieher gern, die besser als die Wähler wissen, was ihre Interessen sind –, liegt daran, dass sie nur noch in ihren digitalen „Filterblasen“ unterwegs sind, ihnen Facebook nur noch den Schwachsinn in die Timeline spült, den sie ohnehin schon glauben, weshalb er noch verstärkt wird.

Auch dafür gibt es keinen Beleg, jedenfalls existiert keine einzige wissenschaftliche Studie, die das empirisch zeigen würde. Wahr ist vermutlich das Gegenteil: Selbst der vorurteilsbeladenste Facebook-Nutzer bekommt heute eine größere Vielfalt an Meinungen präsentiert als der gebildete Kleinstadt-Arzt, der vor 20 Jahren zur österreichischen Bildungselite gehörte. 

Der hatte eine Regionalzeitung abonniert und eine überregionale Zeitung, und dort bekam er jeden Tag genau das serviert, was zwei Redaktionen dachten. So maßgeschneidert kann der Facebook-Algorithmus gar nicht sein, dass ein Rapid-Ultra, der sich auf Facebook anmeldet, heute nicht eine größere Vielfalt an medialen Meinungsäußerungen in seine Timeline gespült bekäme, als der Bildungsbürger des Jahres 1986 konsumierte.

Und genau das ist vermutlich auch das Problem „der Medien“, will in diesem Fall heißen, der Journalisten, die daran gewöhnt waren, dass ihre herausgehobene Stellung als „Gatekeeper“ ihnen auch die Regulierung des Meinungsstromes erlaubt. Natürlich haben die Algorithmen der sozialen Medien selbstverstärkende Wirkung. Aber das bedeutet erstens nicht, dass die Vielfalt an Inhalten und Meinungen, mit denen man als Konsument konfrontiert ist, kleiner ist als in den Zeiten davor. Und es gilt natürlich auch für die Journalisten selbst.

Wenn man das einmal in seinem Kopf sortiert hat, könnte man als Journalist eigentlich einfach wieder mal seine Arbeit tun.