Lutherjahr 2017 - Wider den Zeitgeist

Luther-Denkmal vor der Dresdner Frauenkirche Foto: picture alliance / Winfried Rotherme






Das große Lutherjahr hat noch nicht einmal richtig angefangen. Und doch sind kurz vor dem Reformationsfest die programmatischen Sprüche schon absehbar, die wir allerorten hören werden: Luther als Befreier Homosexueller und der Frauen aus patriarchalen Gesellschaftsstrukturen, der Priester vom Zölibat; Luther als der Revolutionär und moderne Mann, der den Abschied vom dunklen Mittelalter einläutete und so dem dauernden Fortschritt der Neuzeit, als Entwicklung hin zu größtmöglicher Menschlichkeit und Liberalität, den Weg ebnete.

Wieder einmal, wie so oft schon in der Geschichte des Protestantismus, wird man sich auf diese Weise bis zum Hexenschuß verbiegend auf die Suche nach der heutigen Relevanz des Reformators machen: Luther ist modern, wir sind wie ihr und bei der ganz großen aktuellen Politik als Pfarrerstochter oder Ex-Pfarrer mittendrin dabei.

Doch mit einem solchen PR-Ansatz hat man schon verloren, bevor noch das erste Plakat zu den Jubelfeiern überhaupt gedruckt ist. Das, was bereits die Zeitgenossen Luthers so beeindruckte, was ihn überzeitlich wirklich bedeutend und geschichtsweisend machte, sind nicht jene Punkte, an denen er einfach wiedergab, was in seiner Zeit der Political Correctness entsprach. Keinen seiner Zeitgenossen verwunderte es etwa, daß er heftige antijüdische Reden schwang oder es schweigend hinnahm, daß 1540 in Wittenberg zwei „Hexen“ verbrannt wurden.



Widerstand gegen die Mächtigen


Diese für seine Epoche unauffälligen Selbstverständlichkeiten sind es nun wirklich nicht, die das Volk und die Mächtigen interessierten und Luther zu jenem Fanal haben werden lassen, welches die Geschichte Europas nachhaltig veränderte. Vielmehr war es sein Widerstand gegen einzelne korrupte Persönlichkeiten und Regeln, die dem Zeitgeist entsprangen und ihn gleichzeitig bildeten: etwa die Ablaßpraxis und deren Mißbrauch im Spätmittelalter durch geldgierige Kirchenfürsten.

Oder Kirchenmänner, die die Fühlung hin zu den Nöten und Sorgen ihrer Gläubigen komplett verloren hatten, die in ihrer ganz eigenen Welt lebten, gestützt durch eine „heilige“ Allianz von Thron und Altar sowie durch mächtige finanzielle Ressourcen.

Die große Angst der Mächtigen, die Gläubigen könnten die ins Deutsche übersetzte Bibel einfach selbst lesen und dazu das Predigen anfangen, ist Ausdruck dieser Mißstände. Wenn deutsche Politiker verhindern wollen, daß Menschen ihre und die öffentliche Meinung auch auf Facebook & Co. veröffentlichen, dann ist das den Mißständen, gegen die Luther mit seiner Bibelübersetzung protestierte, gar nicht so unähnlich.


Damals „Ketzer“, heute „Pack“

Alles, was Luther zu Recht hart geißelte, war damals gerade absolut „in“ oder „modern“. Wer da nicht mitmachen wollte und das zu sagen wagte, mußte damit rechnen, als Ketzer bezeichnet und bestraft zu werden. „Ketzer“ ist ein Ausdruck, den viele nicht mehr verstehen und den man heute vielleicht am besten mit „Pack“ übersetzt.

Der deutsche Reformator scheute dabei auch nicht vor „Haßrede“ zurück: Den Papst nannte er wiederholte Male bei seinen berühmten Tischreden „unverschämtes Lügenmaul“, „verrückten Esel“ und „Sau“; ja, forderte gar dazu auf, alle seine Gegner abzustechen.

Luther verstand sich selbst auch nicht als besonders progressiv, ganz im Gegenteil. Gegen die modernen Fehlentwicklungen wollte er eine Rückbesinnung auf die Ursprünge, das Fundament des Christentums schlechthin: auf Christus („Allein Christus!“) und die Bibel („Allein die Bibel!“).

Das intransigente „Allein!“ zeigt dabei überdeutlich auf, daß er sich von allem distanzierte, was die katholische Kirchengeschichte unter dem Druck des Zeitgeistes im Mittelalter an Veränderungen durchgeführt hatte. Es gibt wohl keine berühmte Persönlichkeit jener Zeit, die reaktionärer und fundamentalistischer war als Luther.


Luther würde sich im Grabe umdrehen

Spannend ist, wie schnell sich der Protestantismus von dieser mehr als konservativen Geisteshaltung verabschiedete. Statt mit dem Zeitgeist des Papstes oder Kaisers ging man nun mit dem der deutschen Fürsten ins Bett. In der Folge wurde die Widerständigkeit Luthers gegen seine Moderne immer mehr zum bequemen Appeasement an die jeweils Mächtigen umgebrochen.

So sehr, daß etwa die Gründung der „Deutschen Evangelischen Kirche“ im Jahr 1933 ganz wesentlich einen Wunsch der damals mächtig gewordenen Nationalsozialisten erfüllte. Auf seine Weise war man eben auch zwischen 1933 und 1945 politisch korrekt und modern.

Der Kampf um Deckungsgleichheit mit dem Zeitgeist hält bis heute an, wo fast alle bekannteren Vertreter der evangelischen Kirche ohne mit der Wimper zu zucken dem von den großen Medien und fast allen Politikern verordneten Islam-Appeasement das Wort reden. 

Luther würde sich wohl im Grab umdrehen. Aber nicht einmal das wird den derzeit modernen Protestanten anfechten.
Denn mit der Leugnung der Gottheit Jesu und seiner Auferstehung sowie der angeblichen „Entmythologisierung der Bibel“ hat man selbst Luthers Grundfeste so dem Zeitgeist entsprechend uminterpretiert, daß sie zwar massengefällige, aber nur noch leere und inhaltslose Fassaden sind. Dabei hätten sie die letzten Bollwerke gegen eine endgültige Annexion durch den Zeitgeist sein können.
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Dr. David Berger ist katholischer Theologe, Philosoph und Publizist.

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