Internetsüchtige Internetnutzer, die sich cool fühlen

 . . . wenn sie sich mit ihrem Handy selbst im Badezimmer fotografieren und das dann bei Facebook hochladen sind lustige kleine Menschen, die versuchen, durch ständiges Wechseln von Profilfotos Profil vorzutäuschen.


"Boah, Ey, so cool wie ich ist keiner



Ein Profilfoto in einem sozialen Netzwerk dient für gewöhnlich dazu, dass der Abgebildete eine Wichsvorlage hat, die individuelle, vielfältige und nicht selten gespaltene Persönlichkeit des Fotografierten möglichst optimal zu repräsentieren. Eventuell auch Modellagenturen anzusprechen, das aber nur als angenehmen Nebeneffekt. 

Der gemeine Badezimmerfotograf möchte also seinen gesamten 531 Freunden bei Facebook, SchülerVZ, Instagram, oder YouPorn zeigen: Ich bin etwas ganz Besonderes. 

Daher kommt er auf die innovative Idee, seine großartigen physikalischen Grundkenntnisse über Reflexion zu nutzen und seine engelsgleiche Gesichtspartie für alle Ewigkeit auf der Speicherkarte seines Mobiltelefons festzuhalten. Blöderweise haben das nur so viele gemacht, dass der erste Badezimmerselbstfotograf mittlerweile Multimilliardär wäre, wenn er sich seine Idee nur hätte patentieren lassen. 

Den letzten hoffnungsvollen Funken an Individualität löscht er dann aus, indem er sein Gesicht, in unseren Gefilden Charakteristikum Nr. 1, durch eine quadratmetergroße Sonnenbrille verdeckt, von der in China von unterbezahlten Fabrikarbeitern ungefähr eine Million Exemplare hergestellt wurden. 

Das Handy ist unter Jugendlichen ein Statussymbol, und der narzisstische Selbstfotograf möchte mit seinen Abbildungen immer und immer wieder betonen, dass er ein Handy mit einer Kamerafunktion besitzt. Was ja heutzutage etwas ganz besonderes ist. Logisch, bei Menschen, die sich ohne Mobiltelefon auf ihrem Profilbild zeigen, weiß ja jeder, dass sie kein Handy haben. Sonst würden sie sich ja mit fotografieren. 

Außerdem sollte es, wenn überhaupt, möglichst ein Iphone sein (Denn Apple ist perfekt, wer kein Apple hat und es nicht mag ist neidisch, weil er es sich nicht leisten kann, Leute die kein Apple haben sind dumm, Leute die kein Apple haben sind nicht “in”, Apple darf außerdem machen was sie wollen). Bei besonders armen Leuten hält das obligatorische 5-Kilo-90er-Handy her.  

Der internetsüchtige Internetnutzer muss nicht internetsüchtig sein, um sich selbst im Badezimmerspiegel zu fotografieren. Ist es aber meistens. Sonst hätte er gar nicht die Zeit, sein Foto in allen 25 sozialen Netzwerken, bei denen er angemeldet ist, hochzuladen und sich anschließend daran aufzugeilen. Er muss auch nicht unbedingt minderjährig sein, aber ein solches Foto von einem Menschen über 18 ist dem Autor dieses Artikels bis zum heutige Tage höchstselten aufgefallen. 



Hier fehlt eindeutig die Sonnenbrille!

Seine bildschirmgebräunte Gesichtspartie und seinen Adoniskörper verschönert der pubertierende Selbstfotograf dann in der Regel durch sorgfältig ausgewählte Accessoires wie Bling-Bling-Ketten, Sonnenbrillen, Nasenpiercings und sonstige Abarten seiner Fantasie. Diese ermöglichen eine gewisse Variabilität der einzelnen Fotos. Während die Location des eigenen Badezimmers sich relativ selten ändert, kann man durch Verändern der Accessoires aus jedem Badezimmerschnappschuss ein einzigartiges Kunstwerk zaubern (mal mit Basketballtrikot, mal oberkörperfrei, mal mit, mal mit noch größerer, mal ganz ohne Sonnenbrille, mal mit Käppi etc...)

Dazu muss man den Badezimmerspiegel noch angucken, als hätte Selbiger gerade seine Mutter getötet (man will ja bekanntlich cool wirken) und die eine Hand in die Hosentasche stecken (es wirkt so unglaublich maskulin, wenn man sich am Sack kratzt), während die andere Hand das Handy festhält, mit dem man sich fotografiert. Fertig ist das coooooooooooooooole Profilfoto.
Der Betrachter

Der gemeine Betrachter betrachtet das niegelnagelneue Profilbild und spürt augenblicklich einen kaum zu bremsenden Drang in den Fingern, in zweifelhafter Orthographie Lobeshymnen für den Abgebildeten zu verfassen, in denen Worte wie „hüpsch“, „Bester ♥“ oder '“Cool“ nicht fehlen dürfen. 


Er wartet dann schon ungeduldig darauf, dass seine Facebookbekanntschaft 2 Tage später ein neues Bild hineinstellt, wieder im Bad, wieder mit Handy, nur diesmal frontal vor dem Spiegel und nicht leicht links versetzt.

Ein etwas kritischer Beobachter hingegen stellt sich die Frage, warum der Abgebildete trotz mehrerer Hundert Facebookfreunden denn niemanden hat, der für ihn den Job des Fotografierens übernimmt und er dies selbst macht. Anschließend stellt sich für ihn aber auch die Frage, wie so ein Kerl in die eigene Freundschaftsliste kommt und wie man ihn am schnellsten wieder rauskriegt.

Ein psychologisch geschulter Betrachter versucht hingegen die Gedanken des Fotografierten zu entschlüsseln. Dabei kommt er meistens auf drei verschiedene, mögliche Ideen
"Boah, ey, jetzt bin ich zum ersten Mal seit drei Stunden vom Computer und im Bad, da müssen wir gleich ein Foto machen, ey!"
 

"Boah, ey, jetzt komm ich grad vom Scheißen, jetzt seh ich bestimmt so toll aus, dass ich mich gleich mal fotografieren muss, oh verdammt, jetzt hab ich vergessen, mir die Hände zu waschen..."
"Boah ey, ham wir ein geiles Badezimmer... Wenn ich mich da drin fotografier und die Mädchen das sehen, dann mach ich die sicher alle klar..."

Anschließend wird das Foto bei Facebook, Fishbook, SchülerVZ, SchülerCC, MeinVz, 2Concert, Wer kennt wen etc. und bei Menschen, die sich selbst für sportlich halten, zuweilen auch Strava, hochgeladen. Während man dann endlich auch das letzte soziale Netzwerk geschafft hat, wartet man bereits ungeduldig auf die ersten Kommentare, Gefällt-Mirs und Heiratsanträge, wobei vor allem Letztere fast immer ausbleiben. Schade eigentlich. 


Fazit

Internetsüchtige Internetnutzer, die sich cool fühlen Internetsüchtige Internetnutzer, die sich cool fühlen Reviewed by Jura on Juni 14, 2016 Rating: 5

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