Rudolf Heß, Märtyrer








Rudolf Walter Richard Heß, auch Hess (Lebensrune.png 26. April 1894 in Ibrahimieh bei Alexandria, Ägypten, Osmanisches Reich; Todesrune.png 17. August 1987 in Kriegsgefangenschaft in Berlin von englischen Besatzern ermordet), war ein nationalsozialistischer Politiker und als Stellvertreter des Führers Reichsminister. Da Rudolf Heß mit seinem Friedensflug nach England versuchte, den Frieden in Europa wieder herzustellen und nach über 46 Jahren Gefangenschaft von den Alliierten ermordet wurde, gilt er in nationalen Kreisen als Märtyrer.
Rudolf Heß – hier in der schwarzen Uniform eines SS-Gruppenführers und Generalleutnants der Waffen-SS

Leben

Kindheit und Jugend

Rudolf Walter Richard Heß wurde am 26. April 1894 in Alexandria (Ägypten) als Sohn einer traditionsreichen, aus dem fränkischen Fichtelgebirge stammenden Kaufmannsfamilie geboren. Sein Vater war der in Triest geborene deutsche Großkaufmann Johann Fritz Heß, dessen Familie aus Wunsiedel stammt. Seine Mutter Klara, geb. Münch, war ebenfalls eine fränkische Kaufmannstochter. Rudolf Heß verbrachte seine Kindheit und Jugend sowohl in Alexandria, wo er die deutsche Schule besuchte, als auch in Reicholdsgrün (heute zu Kirchenlamitz im Landkreis Wunsiedel). 1908 wurde er zu seiner Gymnasialausbildung in ein evangelisches Internat (Otto-Kühne-Schule) in Bad Godesberg bei Bonn geschickt. Nach dem Abitur in Neuenburg (Schweiz) begann er eine kaufmännische Ausbildung in Hamburg, diese brach er aber 1914 ab und meldete sich freiwillig zum Kriegsdienst.

Erster Weltkrieg

Aus dem Völkischen Beobachter vom 17. August 1936
Heß kämpfte im Ersten Weltkrieg zuerst in der Infanterie u. a. bei Verdun, später – bis Kriegsende – diente er in der Fliegertruppe als Jagdflieger in der bayerischen Jagdstaffel 34, wo er bis zum Rang eines Leutnants befördert wurde.

Heß und der Nationalsozialismus

Die frühen Jahre (1920–1933)

Während seines Studiums der Volkswirtschaft, Geschichte und Geopolitik (letzteres bei Karl Haushofer, dem er zeitlebens verbunden blieb) an der Universität München fand Heß Kontakt zu nationalistischen Kreisen, als er zur völkisch-nationalen Vereinigung „Eiserne Faust“ stieß. Er wurde auch Mitglied der Thule-Gesellschaft. Um sich an der Bekämpfung der Münchener Räterepublik zu beteiligen, schloß er sich dem Freikorps Franz Ritter von Epps an. Hier traf er unter anderem auch auf den ehemaligen Hauptmann Ernst Röhm und trat in der Folgezeit auch den Artamanen bei. So wurde Heß auch mit Heinrich Himmler bekannt.
Heß trat bereits Anfang 1920 der NSDAP bei. In München gründete er mit anderen Gleichgesinnten im Herbst 1920 den „1. Münchner NS-Studentensturm“, den Vorläufer des späteren Nationalsozialistischen Studentenbundes. Rudolf Heß war auch einer jener 1.500 NS-Putschisten des 9. November 1923, als er mit Röhm und Hitler in vorderster Reihe in München mitmarschierte. Nach dem mißglückten „Sturm auf die Feldherrnhalle” wurde er mit Adolf Hitler zu gemeinsamer Festungshaft in der JVA Landsberg in Landsberg am Lech verurteilt und schrieb dort Hitlers zweibändiges Werk „Mein Kampf” nieder, das dieser ihm diktierte.
Im April 1920 lernte Heß in einer Münchener Pension die Studentin Ilse Pröhl (1900–1995) kennen. Letztere fühlte sich von Anfang an zu ihm hingezogen, doch Heß ließ sich nur zögernd auf eine Beziehung ein; er vertröstete sie jahrelang und ging Intimitäten aus dem Weg. Letztendlich gab Hitler den Anstoß zur Eheschließung, die am 20. Dezember 1927 in München stattfand. Ihr einziges gemeinsame Kind Wolf Rüdiger wurde am 18. November 1937 geboren.
Heß erhielt beim Wiedereintritt in die NS-Partei, nach deren Neugründung im Februar 1925, ehrenhalber die Mitgliedsnummer 16 verliehen, da das ursprüngliche Parteiverzeichnis erst mit der Nummer 550 begann.
Nach der Machtübertragung auf die Nationalsozialisten wurde Heß 1933 Reichsminister ohne Geschäftsbereich und war mit Verfügung des Führers zum Tragen des Dienstanzuges eines SS-Obergruppenführers berechtigt.
Am 21. April 1933 ernannte Hitler ihn zu seinem Stellvertreter in der NSDAP. Heß wurde nun persönlich für die Sicherheit des „Braunen Hauses” in München verantwortlich. Ihm unterstand die „Dienststelle Stellvertreter des Führers“, dessen Amtsleiter Karl Gerland wurde. Sein Stabsleiter war Martin Bormann.
Auf dem Reichsparteitag 1934, der von Leni Riefenstahl verfilmt wurde (siehe auch „Triumph des Willens“), fiel Heß' bekannte Aussage:
Die Partei ist Hitler, Hitler aber ist Deutschland, wie Deutschland Hitler ist.“ (zum Herunterladen und Anhören als mp3-Datei)
Dieses Schlußwort endete mit dem Absingen des Horst-Wessel-Liedes.

Die späten Jahre und der Flug nach England

Heß mit seinem Sohn Wolf Rüdiger
Während der nationalsozialistischen Zeit in Deutschland war Heß aktiv organisatorisch an der Ausarbeitung der Nürnberger Gesetze beteiligt. Er sorgte im besetzten Polen für eine größtmögliche Trennung von Deutschen und Polen und setzte ein rassisches Sonderrecht durch.
Heß als Flugzeugführer, während er in eine Messerschmitt Bf 110 steigt
Am 10. Mai 1941 flog Heß mit einer Messerschmitt Bf 110 (von Willy Messerschmitt und Theodor Croneiß bereitgestellt) nach Schottland, um mit dem Anführer – so glaubte er jedenfalls – der englischen Friedensbewegung, Douglas Douglas-Hamilton, 14. Herzog von Hamilton, über einen Frieden zu verhandeln. Dabei wurde er als Parlamentär völkerrechtswidrig verhaftet[1] und geriet somit in britische „Kriegsgefangenschaft“. Jüdische Psychiater der Londoner Tavistock-Klinik für Psychoanalyse wie Henry Dicks verhörten den Inhaftierten.
Sein Flug wurde nach dem Scheitern von Verhandlungen vor der deutschen Öffentlichkeit als Verrat gewertet, und Heß wurde daraufhin zur Wahrung der deutschen Interessen in der Öffentlichkeit als „verwirrt“ und als Opfer von „Wahnvorstellungen“ dargestellt. Heß’ eigentliches Ziel war es sicher, einen Zweifrontenkrieg mit Großbritannien und der Stalin-UdSSR zu verhindern, den er als „selbstmörderisch für die weiße Rasse“ bezeichnete und deren kulturelle Hegemonie er erhalten wollte. Umstritten ist bis heute, ob Heß auf eigene Faust oder mit Wissen bzw. sogar auf Anweisung Hitlers nach England flog. Der britische Publizist Martin Allen vertritt die Ansicht, daß Hitler zumindest von dem Vorhaben gewußt haben muß, da sich beide noch kurz zuvor auf dem Obersalzberg getroffen hatten. Dies wird auch in der Dokumentation „Geheimakte Heß“ so ausgeführt. Adolf Hitler selbst hatte angesichts der unzähligen Friedensangebote England gegenüber Heß einmal öffentlich geäußert: „Ja soll ich denn noch selbst da rüber fliegen und auf die Knie fallen?“[2] Offenbar griff Heß diesen Gedanken auf und verwirklichte ihn in seiner Funktion als Stellvertreter des Führers, glaubend (oder wissend), in dessen Auftrag zu handeln oder handeln zu können.
Der Chef der Gestapo, Heinrich Müller, sagte nach dem Krieg zu seiner Kenntnis vom Vorfall auf die Frage hin, „daß Heß von den Briten unmenschlich behandelt wurde. Er wurde gefoltert, und man brach ihm sein Bein.“:[3]
„Das überrascht mich gar nicht. Sie sollten mal die Berichte sehen, die wir den britischen Mordkommandos in Dieppe abnahmen. Der Mord an Kriegsgefangenen, die Tötung von Franzosen, die uns gegenüber eventuell freundlich eingestellt waren, das Vergiften von Quellen, der Mord an Kindern – und alles sah so aus, als hätten wir es gemacht. Nein, mich kann wirklich nichts mehr überraschen, wenn es um die Grausamkeit der Briten geht. Und dabei tun sie so, als hielten sie alleine die Standarte der Freiheit und Demokratie hoch. [...] Sie können mir glauben, daß es Heß mit den Friedensverhandlungen mit England ernst war. Ich bin alle seine Unterlagen sorgfältig durchgegangen und habe mir die Verhöre mit seiner Frau, seinen Freunden, Mitarbeitern usw. erneut angehört. Heß kannte nur ein Motiv für seine Tat: Er wollte mit England Frieden schließen. Ich bin mir auch sicher, daß die Briten dies sehr wohl wußten, als sie ihm das Bein brachen.“
Heinrich Müller vertrat die Ansicht, daß Adolf Hitler von den Flugplänen keine Kenntnis gehabt haben soll.
Im Gegensatz dazu sagte nach den Aufzeichnungen des SS-Obergruppenführers Karl Wolff Hitler am 18. April 1945 zu diesem, als er Weisungen zur Behandlung etwaiger VS-amerikanischer Parlamentäre gab:
„Sie wissen, daß ich Sie im Falle eines Mißerfolges genau so verleugnen würde und müßte, wie ich das seinerzeit bei Heß tat.“[4]
Das Scheitern des Heß-Fluges ließ, mitten im Kriege, keine andere glaubhafte Begründung zu, als die Erklärung mit einer vorgeblichen „geistigen Umnachtung“, da alles andere als Schwäche Deutschlands seitens seiner Kriegsgegner gewertet worden wäre.
Bereits zuvor hatte Heß in Absprache mit den Professoren Karl und Albrecht Haushofer geglaubt, in Samuel Hoare, dem britischen Botschafter mit Sondervollmachten in Spanien, einen möglichen Friedensvermittler gefunden zu haben, nicht allein deswegen, weil dieser sich bislang stets gemäßigt geäußert hatte, sondern auch, weil Hoare fast anstelle Churchills im Mai 1940 Premierminister geworden wäre. So flog Heß bereits zwischen September 1940 und Januar 1941 nach Spanien und mehrmals in die Schweiz, um dort unter vier Augen Gespräche mit Hoare führen zu können. Dabei hinterließ er für den Fall, daß er nicht zurückkehren würde, in seinem Hause in München-Harlaching Abschiedsbriefe an die Familie. Einer davon ist datiert auf den 4. November 1940:
„Meine Lieben, ich glaube fest daran, daß ich von dem Flug, den ich nächster Tage antrete, zurückkehre u. daß der Flug von Erfolg gekrönt sein wird. Wenn aber nicht, so war das Ziel, das ich mir stellte, des vollen Einsatzes wert. Ich weiß, daß Ihr mich kennt: Ihr wißt, ich konnte nicht anders handeln. Euer Rudolf.“
Bereits im Jahre 1963 schrieb „Der Spiegel“ über das Buch von James Leasor „Botschafter ohne Auftrag. Der Englandflug Rudolf Heß’“:
„Adolf Hitler in Deutschland wußte noch nicht, daß Heß gelandet war. Erst am Sonntagmorgen überreichte ihm Heß-Adjutant Karlheinz Pintsch auf dem Berghof bei Berchtesgaden den versiegelten Brief [...], Hitler reagierte zunächst gar nicht. Bodenschatz nannte Hitlers ‚Überraschung und Empörung‘ später ‚hervorragend gespielt‘. [...] Die deutsche Öffentlichkeit erfuhr erst am Montagabend, daß Heß vermißt wurde und wahrscheinlich ein Opfer pazifistischer Halluzinationen geworden sei. Diese offizielle Version notierte der italienische Außenminister Graf Ciano in seinem Tagebuch. Hitlers Zögern wertete Leasor als Indiz dafür, daß der Führer in Wirklichkeit nicht so überrascht war und bis Montag abwartete, ob sich ein Erfolg der Heß-Mission abzeichnete. Als England schwieg, ließ er seinen Gefolgsmann fallen. Zur Erhärtung dieser Version führt Leasor den Parallelfall des Mussolini-Befreiers Otto Skorzeny an, dem Hitler gesagt hatte, er werde sich von ihm distanzieren, wenn Skorzenys tollkühnes Unternehmen mißlinge.“[5]
Darüber hinaus schildert Pintsch die Aussage von Rudolf Heß:
Der Führer weiß nicht, daß ich gerade heute Abend diesen Versuch unternommen habe... aber sein vordringlichster Wunsch ist es, Frieden mit England zu schließen. Er, Heß, habe die Möglichkeiten oft mit dem Führer, Professor Haushofer und dessen Sohn Albrecht diskutiert. Alle seien der Auffassung, man müsse möglichst rasch einen direkten Kontakt herstellen, um das Blutvergießen zwischen zwei germanischen Völkerstämmen zu stoppen.“
Als Heß nach England geflogen war, ernannte Hitler keinen neuen „Stellvertreter des Führers“. Statt dessen wurde Heß’ Dienststelle in „Parteikanzlei“ umbenannt und Heß' Stabsleiter Martin Bormann unterstellt, der gleichzeitig mit den Befugnissen eines Reichsministers ausgestattet wurde.
Selbst das linksextreme Wochenmagazin „Der Spiegel“ mußte nach jahrzehntelanger Leugnung im Jahre 2011 unter der Überschrift „Wahnsinn und Wahrheit – War der legendäre Flug von Rudolf Heß nach Großbritannien 1941 mit Adolf Hitler abgestimmt? Die neu aufgetauchte Aussage eines Heß-Adjutanten stützt diese These“, wenn auch unter dem üblichen politisch korrekten Geschwafel, eine angeblich „neue“ Erkenntnis verkünden, über die dasselbe Magazin bereits 50 Jahre zuvor berichtet hatte, und zugeben:
„[...] Bislang ging die historische Forschung davon aus, Hitlers Stellvertreter sei auf eigene Faust gestartet. ‚Heß handelte ohne Hitlers Wissen, aber in der tiefen, wenn auch konfusen Überzeugung, seine Wünsche auszuführen‘, urteilt etwa der britische Hitler-Biograf Ian Kershaw. Doch nun wirft ein unbekanntes Dokument ein neues Licht auf Heß’ legendären [Flug]: ein 28-seitiger handschriftlicher Bericht, den der Historiker Matthias Uhl vom Deutschen Historischen Institut Moskau im Staatsarchiv der Russischen Föderation entdeckt hat. Verfasst hat ihn im Februar 1948 ein Mann aus Heß’ nächster Nähe: sein Adjutant Karlheinz Pintsch, der von 1945 bis 1955 in sowjetischer Kriegsgefangenschaft saß. [...] er hatte tags darauf Adolf Hitler auf dem Obersalzberg wecken lassen, um ihm ein Schreiben zu überreichen. Es begann laut Augenzeugen mit den Worten: ‚Mein Führer, wenn Sie diesen Brief erhalten, bin ich in England.‘ Entgegen der gängigen Meinung habe Hitler, so Pintsch, die Nachricht keinesfalls tobend aufgenommen: ‚Hitler hörte mit Ruhe meine Meldung an und entließ mich ohne eine Bemerkung.‘ Der Führer sei längst eingeweiht gewesen, behauptet der Adjutant in dem Bericht, denn Berlin habe schon seit längerem mit London verhandelt. Der Flug sei in ‚vorheriger Übereinkunft mit den Engländern erfolgt‘. Heß’ Aufgabe sei es gewesen, ‚mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln, wenn schon nicht ein Militärbündnis Deutschlands mit England gegen Russland, so doch wenigstens eine Neutralisierung Englands zu erreichen‘. Muss ein Teil der Geschichte des Zweiten Weltkriegs also neu geschrieben werden? Handelte es sich bei dem Manöver etwa doch um offizielle Diplomatie? Das neue Dokument stützt jedenfalls diejenigen, die an die Version des einsamen Überzeugungstäters nie geglaubt haben; so hatte schon Hitlers Kammerdiener Heinz Linge nach dem Krieg erzählt: ‚Ob er von Heß’ Englandflug gewusst habe, wagte ich ihn nicht zu fragen; aber sein Verhalten sagte mir: Er hat es nicht nur vorher gewusst, sondern Heß wahrscheinlich sogar nach England geschickt.‘ Ähnliches berichteten auch Gauleiter Ernst Wilhelm Bohle von der Auslandsorganisation der NSDAP und Hermann Görings Adjutant Karl Heinrich Bodenschatz, die beide in den Tagen, als Hitler die Nachricht vom Heß-Flug erhielt, auf dem Obersalzberg weilten. [...] Drei Tage nach dem Flug las Parteikanzlei-Leiter Martin Bormann den versammelten Reichs- und Gauleitern Heß’ Abschiedsbrief an den Führer vor. Dann appellierte Hitler an die Treue seiner Mitkämpfer. Heß habe einen „beispiellosen Vertrauensbruch“ begangen, sagte er. Reichspropagandaminister Joseph Goebbels schmähte den Stellvertreter als ‚Narren‘ und ‚geistig Zerrütteten‘. In einem Kommunique hieß es, Heß sei ‚Opfer von Wahnvorstellungen‘ geworden. Schon Zeitgenossen hielten die offizielle Version vom plötzlichen Irrsinn des Stellvertreters für fragwürdig. Pintsch, der Zeuge von Heß’ akribischen Vorbereitungen gewesen war und keine Anzeichen von Wahnsinn bemerkt hatte, wurde verhaftet. Aus dem Gestapo-Gefängnis in der Berliner Prinz-Albrecht-Straße verlegte man ihn ins Konzentrationslager Oranienburg und von dort an die Ostfront. Bei Kriegsende geriet der Adjutant in sowjetische Gefangenschaft, wo er vom Geheimdienst nach den Geschehnissen im Frühjahr 1941 befragt wurde. Nach Recherchen des Historikers Uhl gingen Abschriften seiner Aussagen unter anderem an Diktator Josef Stalin, Außenminister Wjatscheslaw Molotow und Lawrentij Berija, den Chef des Geheimdienstes. [...]“[6]

Rudolf Heß’ Sieben-Punkte-Friedensplan, 10. Mai 1941

Die wichtigsten Konzessionen, die Hitler einzuräumen bereit war, ohne zu verhandeln:
  1. Norwegen, Dänemark, Holland, Belgien und Frankreich werden wieder unabhängige Staaten, die ihre Verfassung wie ihre Regierung selbst bestimmen werden.
  2. Deutschland ist bereit, den Ländern Reparationen zu leisten, die durch den Westfeldzug in Mitleidenschaft gezogen wurden, obgleich die Westmächte Deutschland den Krieg erklärt hatten.
  3. Alle Angriffswaffen sollten zerstört und die Streitkräfte der kriegführenden Staaten auf ein Maß zurückgeführt werden, das den wirtschaftlichen und strategischen Erfordernissen des jeweiligen Landes entspricht.
  4. Das Deutsche Reich fordert seine alten Kolonien mit Ausnahme von Südwestafrika zurück, entschädigt aber die inzwischen zumeist britischen Eigentümer, wenn sie diese wieder verlassen wollen.
  5. Ein polnischer Staat wird in seinen ethnischen Grenzen wiederhergestellt; diese Zusage kann allerdings nur für den von Deutschen besetzten Teil gemacht werden.
  6. Die Tschechei verbleibt weiterhin als Protektorat beim Deutschen Reich, aber die Tschechen können ihre Sprache und ihren Nationalcharakter frei ausbilden.
  7. Für das Nachkriegseuropa soll eine Art wirtschaftlicher Solidarität zur Lösung der anstehenden Wirtschaftsfragen in Erwägung gezogen werden, bei denen möglichst europaweite Übereinkünfte ins Auge zu fassen sind.
Diese Vorschläge ähneln stark den Vorschlägen, die Adolf Hitler bereits 19 Monate zuvor in seiner Rede vom 6. Oktober 1939 gemacht hatte.

Heß und die Nachkriegszeit

Nürnberger Prozesse

In den sogenannten Nürnberger Prozessen sagte Heß aus, daß
„ein bestimmter Anlaß in England mich veranlaßte, an die Berichte zu denken aus den damaligen Prozessen. Der Anlaß war, daß meine Umgebung während meiner Gefangenschaft sich in einer eigenartigen und unverständlichen Weise mir gegenüber verhielt, in einer Weise, die darauf schließen ließ, daß diese Menschen irgendwie in einem geistig anomalen Zustand handelten. Diese Menschen und Personen meiner Umgebung wurden von Zeit zu Zeit ausgetauscht. Dabei hatten einige der Ausgetauschten und neu zu mir Kommenden eigenartige Augen. Es waren glasige und wie verträumte Augen. Dieses Symptom hielt aber nur wenige Tage an; dann machten sie einen völlig normalen Eindruck. Sie waren von normalen Menschen nicht mehr zu unterscheiden.“[7]
Der Einsatz von Psychodrogen wurde zur damaligen Zeit durch die VSA im Rahmen der „Operation Artischocke“ durchgeführt, so daß sich damit auch Heß’ Gedächtnisstörungen vor dem Nürnberger Tribunal erklären lassen.
Rudolf Heß gab später eine Erklärung zu seinem eigenen Gedächtnisverlust ab, indem er sagte:
„Herr Präsident, ich möchte das Folgende sagen: Zu Anfang der Verhandlung heute nachmittag gab ich dem Verteidiger einen Zettel, auf dem ich meine Meinung dahingehend ausdrückte, daß die Verhandlung abgekürzt werden könnte, würde man mir zu sprechen gestatten. Was ich zu sagen wünsche, ist das folgende:
Um vorzubeugen, daß ich für verhandlungsunfähig erklärt werde, obwohl ich an den weiteren Verhandlungen teilzunehmen und mit meinen Kameraden gemeinsam das Urteil zu empfangen wünsche, gebe ich dem Gericht nachfolgende Erklärung ab, obwohl ich sie ursprünglich erst zu einem späteren Zeitpunkte des Prozesses abgeben wollte. Ab nunmehr steht mein Gedächtnis auch nach außen hin wieder zur Verfügung. Die Gründe für das Vortäuschen von Gedächtnisverlust sind taktischer Art. Tatsächlich ist lediglich meine Konzentrationsfähigkeit etwas herabgesetzt. Dadurch wird jedoch meine Fähigkeit, der Verhandlung zu folgen, mich zu verteidigen, Fragen an Zeugen zu stellen oder selbst Fragen zu beantworten, nicht beeinflußt. Ich betone, daß ich die volle Verantwortung trage für alles, was ich getan, unterschrieben oder mitunterschrieben habe. Meine grundsätzliche Einstellung, daß der Gerichtshof nicht zuständig ist, wird durch obige Erklärung nicht berührt. Ich habe bisher auch meinem Offizialverteidiger gegenüber den Gedächtnisverlust aufrechterhalten. Er hat ihn daher guten Glaubens vertreten.“
Der Stellvertreter des Führers wurde wegen angeblicher „Planung eines Angriffskrieges und „Verschwörung gegen den Weltfrieden“ zu lebenslanger Haft verurteilt und in das alliierte Militärgefängnis Berlin-Spandau überführt. Konfrontiert mit angeblichen Grausamkeiten in deutschen Internierungslagern zeigte er sich keineswegs erschüttert. In seinem Schlußwort im Nürnberger Prozeß sagte er:[8]
„Ich verteidige mich nicht gegen Ankläger, denen ich das Recht abspreche, gegen mich und meine Volksgenossen Anklage zu erheben. Ich setze mich nicht mit Vorwürfen auseinander, die sich mit Dingen befassen, die innerdeutsche Angelegenheiten sind und daher Ausländer nichts angehen. Ich erhebe keinen Einspruch gegen Äußerungen, die darauf abzielen, mich oder das ganze deutsche Volk in der Ehre zu treffen. Ich betrachte solche Anwürfe von Gegnern als Ehrenerweisung. Es war mir vergönnt, viele Jahre meines Lebens unter dem größten Sohne zu wirken, den mein Volk in seiner tausendjährigen Geschichte hervorgebracht hat. Selbst wenn ich es könnte, wollte ich diese Zeit nicht auslöschen aus meinem Dasein. Ich bin glücklich, zu wissen, daß ich meine Pflicht getan habe meinem Volke gegenüber, meine Pflicht als Deutscher, als Nationalsozialist, als treuer Gefolgsmann meines Führers. Ich bereue nichts. Stünde ich wieder am Anfang, würde ich wieder handeln wie ich handelte, auch wenn ich wüßte, daß am Ende ein Scheiterhaufen für meinen Flammentod brennt. Gleichgültig was Menschen tun, dereinst stehe ich vor dem Richterstuhl des Ewigen. Ihm werde ich mich verantworten, und ich weiß, er spricht mich frei.”
Diese Aussage wurde von ihm nie widerrufen. Die Worte von Heß sind dem Schlußplädoyer nachempfunden, das Hitler am 24. Verhandlungstag (27. März 1924) des Hitler-Prozesses gehalten hatte:
„Und wenn wir vor sie [die Göttin des letzten Gerichts] hintreten, dann kenne ich ihr Urteil von vornherein. [...] Mögen Sie tausendmal Ihr ‚Schuldig!‘ sprechen, diese ewige Göttin des ewigen Gerichts wird lächelnd den Antrag des Staatsanwalts zerreißen und lächelnd zerreißen das Urteil des Gerichts; denn die spricht uns frei.“[9]
Filmbeitrag
Ausschnitte aus Tonbandaufnahmen von Rudolf Heß (und seinem Verteidiger Alfred Seidl). Frage des britischen Richters Lawrence, ob sich Rudolf Heß für „schuldig“ oder „nicht schuldig“ im Sinne der Anklage erklärt und seine Antwort darauf (12. November 1945); Erklärung von Alfred Seidl (30. Januar 1946); Persönliche Erklärung von Rudolf Heß (30. Januar 1946); Schlußwort von Rudolf Heß (31. August 1946)

Haftzeit in Spandau

Rudolf Heß in Spandau (1970er Jahre)
Heß wurde zusammen mit den sechs anderen zu Haftstrafen verurteilten sogenannten Kriegsverbrechern am 18. Juli 1947 in das Kriegsverbrechergefängnis Spandau gebracht. Unter den Häftlingen gab es Rivalitäten, so daß sich kleine Gruppen bildeten. Heß jedoch blieb hier ein Außenseiter, da seine Persönlichkeit angeblich unsoziale Züge trug und er nach seiner langen Haft in englischen Gefängnissen geistig und gesundheitlich instabil war. Er war der Einzige, der z. B. den Gottesdiensten in der Gefängniskapelle meistens fernblieb. Den Gefangenen war es verboten, miteinander zu sprechen. Von den Wärtern wurde Heß mit „Nummer sieben“ angesprochen. Er mied als Kriegsgefangener jede Art von Arbeit, die er als unter seiner Würde betrachtete, wodurch er bei einigen Mitgefangenen Unmut erregte. Heß vermutete, daß man ihn vergiften wolle, so daß er meist nicht die Essensportion nahm, die eigentlich für ihn bestimmt war. Er beklagte sich oft wegen angeblicher Schmerzen. Die Häftlinge Erich Raeder, Karl Dönitz und Baldur von Schirach sahen diese als Hilferufe zur Erregung von Aufmerksamkeit oder als Methode zur Arbeitsverweigerung an. Heß erhielt nämlich durch seinen Zustand einige Privilegien zugestanden und durfte somit diversen Arbeiten fernbleiben.
Albert Speer und Walther Funk kamen ihm aber eher entgegen. Speer, ebenfalls ein Außenseiter, machte sich bei den anderen unbeliebt, indem er Heß’ Verhalten tolerierte und ihn auch vor den Gefängniswachen verteidigte. Als einziger unter den Gefangenen weigerte sich Heß über zwanzig Jahre lang, Besuch zu empfangen. Erst 1969 war er bereit, bei einem notwendigen Krankenhausbesuch außerhalb des Gefängnisses seine Frau und seinen mittlerweile 30jährigen Sohn Wolf Rüdiger Heß zu sehen.
Heß im hohen Alter in Spandau (undatiert)
Erich Raeder und Walther Funk waren ebenfalls zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt worden. Beide wurden jedoch vorzeitig in den Jahren 1955 (Raeder) und 1957 (Funk) entlassen, da sie gesundheitlich angeschlagen waren. Beide starben 1960. Heß hingegen blieb inhaftiert, und als Speer und Schirach im Jahr 1966 – nach der regulären Verbüßung ihrer vollen Haftstrafe – entlassen wurden, blieb er der einzige Gefangene. Mit Verweis auf seine Gesundheit einigten sich die Gefängnisdirektoren darauf, die zuvor recht harten Haftbedingungen zu lockern. Er war dann jahrelang in Einzelhaft, konnte jedoch in eine größere Zelle umziehen und erhielt einen Wasserkocher, so daß er sich selbst Tee oder Kaffee kochen konnte. Weiterhin wurde seine Zelle nicht mehr verschlossen, und er erhielt somit Zugang zu den Waschgelegenheiten des Gefängnisses sowie zur Gefängnisbücherei.

Entlassungsgesuche und Nachforschungen

Gedenkstein mit folgender Inschrift: „Dieser Stein markiert die Stelle, wo der tapfere, heroische Rudolf Heß in der Nacht des 10. Mai 1941 mit dem Fallschirm landete, bei dem Versuch, den Krieg zwischen Britannien und Deutschland zu beenden.“
Heß war seit den 1980er Jahren zu einem Symbol geworden. Seine verbliebene Existenz – als einziger Gefangener in dem riesigen Spandauer Gefängniskomplex – war nur Ausdruck der Sowjets unter Leonid Breschnew, „als unversöhnliche Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus“ und der damit verbundenen Annahme, daß dieser noch nicht besiegt sei und nur der Kommunismus die einzig wahre antinationalsozialistische Ideologie sei. Es war speziell der Kreml, der sich wieder und wieder durch seinen Einspruch gegen Heß’ Freilassung wandte.
Für die westdeutsche Regierung und die Regierung West-Berlins repräsentierte Heß die Absurdität der Maschinerie des „Kalten Krieges“.
Es war West-Berlin alleine, welches für die finanziellen Belastungen aufkommen mußte. Über 1,2 Millionen US-$ betrugen jährlich allein die Kosten zur Unterhaltung dieser Besatzer-Einrichtung.
Schon Jahre zuvor hatten sich die vier Besatzungsmächte – aufgrund Heß’ hohen Alters – Gedanken über dessen natürliches Ableben gemacht. Im Jahre 1982, als Heß das Greisenalter von 88 Jahren erreicht hatte, kam man überein, daß sein Leichnam nach einer offiziellen Autopsie und unter strengster Geheimhaltung in dessen Heimatland Bayern ausgeflogen und dort seiner Familie übergeben werden sollte.
Während der vergangen 35 Jahre, in denen die vier Besatzungsmächte Spandau betrieben, hatten die Sowjets sämtliche Gesuche abgelehnt – sogar gegenüber der Familie von Heß – ihr die sterblichen Überreste zu übergeben. Die Sowjetregierung in Moskau fürchtete, daß bei Freigabe des Leichnams daraus eine laute, politische Beisetzung werden würde.
In der Tat gingen die Alliierten vor 1982 so weit, daß selbst der Leichnam von Heß, nur und alleine unter der Aufsicht der vier Besatzungsbehörden, eingeäschert und dann verscharrt werden sollte.
Doch mittlerweile willigten sogar die Sowjets ein, unter bestimmten Bedingungen den Angehörigen die sterblichen Überreste zu überlassen. Die drei West-Alliierten hatten ihren Einfluß auf die westdeutschen Behörden dahingehend genutzt, sich von diesen versichern zu lassen, Heß’ Beerdigung nicht zu einer Gelegenheit für eine Solidaritätsdemonstration nutzen zu lassen.
Dessen verbliebenes Eigentum, wie etwa seine Luftwaffenuniform, seine Taschenuhr und sein künstliches Gebiß, würde von den Alliierten beseitigt werden, damit daraus keine Reliquien entstehen könnten. Der Sohn, Wolf Rüdiger Heß, vereinbarte in einem schriftlichen Vertrag und bei seiner Ehre mit den vier Besatzungsmächten, daß die Bestattung nur in Anwesenheit von Familienmitgliedern stattfinden würde. Somit war alles geregelt, um das Ganze ohne Aufregung im Todesfalle abwickeln zu können.
Dies alles aber wurde zunichte gemacht, begründet seitens der Alliierten mit dem angeblichen Suizid durch Erhängen von Heß am 17. August 1987.
Selbst unzweifelhaft anti-nationalsozialistische Persönlichkeiten kritisierten die Behandlung von Heß. So schrieb etwa Winston Churchill in seinem Buch „The Grand Alliance“ von 1950, „...daß er glücklich sei, nicht dafür verantwortlich zu sein, da es sich bei Heß nicht um eine Strafsache, sondern mehr um einen medizinischen Fall gehandelt habe“.
Auch der britische Chefankläger bei den Nürnberger Prozessen, Sir Hartley Shawcross, bezeichnete im Jahr 1977 die fortwährende Inhaftierung von Heß als einen „Skandal“.
Rudolf Heß’ Sohn Wolf Rüdiger Heß versuchte zeitlebens, die Freilassung seines Vaters bzw. bessere Haftbedingungen zu erwirken. 1967 gründete er dazu die „Hilfsgemeinschaft Freiheit für Rudolf Heß“. Aus ihr ging 1989 die „Rudolf-Heß-Gesellschaft“ hervor, deren Ziel es ist, die geschichtliche Darstellung über Heß zu revidieren und die verschwiegenen Umstände seiner Gefangenschaft und seines Todes endlich aufzuklären. Bis zu seinem Tod am 24. Oktober 2001 war Wolf Rüdiger Heß Vorsitzender der Gesellschaft. Seitdem verwaltet seine Witwe die Position kommissarisch.
Auch die Herausgabe der Akte Heß, welche von den Briten unter Verschluß gehalten wird, versuchte die Gesellschaft zu erwirken. Die Sperrfrist der britischen Akten über Heß wird 2017 auslaufen, 30 Jahre nach seinem Tod. Daher wird häufig von der „Geheimakte Heß“ gesprochen, wie auch in der gleichnamigen Dokumentation von Martin Allen. Der erhobene Vorwurf lautet hierbei, daß die britischen Behörden die Akten nicht freigeben wollten, um Hintergründe von Heß’ Tod zu verschleiern, die ein negatives Licht auf die Rolle der Briten werfen könnten.
Die Sterbeurkunde der Britischen Besatzungsmacht

Tod und Todesursache

Rudolf Heß’ Totenschein der Britischen Besatzungsmacht
Heß hatte nach Angaben seiner englischen „Befreier“ mindestens zwei vergebliche Suizidversuche unternommen. So soll er sich 1941 von einem Balkon in Mytchett Place gestürzt haben. Im Jahre 1977 soll er dann im Alter von 83 Jahren plötzlich versucht haben, sich die Pulsadern aufzuschneiden.
Am 17. August 1987 beging Heß 93jährig, nach über vierzigjähriger Kerkerhaft, angeblich Suizid, indem er sich mit einem Verlängerungskabel, das an einem Fenstergriff befestigt war, um 16.10 Uhr erhängt haben soll. Er war an diesem Tag wie jeden Tag im Garten des Gefängnisses spazieren gegangen. In dessen Mitte befand sich eine Gartenlaube, die ungefähr 15 m² groß war und mit Glasfassade, Sessel, Tisch und Heizung ausgestattet war. In dieser schien er sich etwas auszuruhen. Kurz darauf fand ein Wachsoldat Heß mit dem am Fenster befestigten Kabel um den Hals.
Es gab verschiedene Todesversionen: In einer schon seit langem vorbereiteten Presseerklärung der Alliierten, die direkt danach veröffentlicht wurde, hieß es, Heß sei „im Gefängnis verstorben“. Am darauffolgenden Tag wurden weitere Details veröffentlicht. Angeblich hatte sich die Sowjetunion dem zunächst widersetzt.[10]
Der Leichnam wurde am selben Tag vom britischen Gerichtsmediziner James Cameron obduziert.
Der Gartenpavillon wurde wenige Stunden später abgebrannt; das Gefängnis später abgerissen.

Zweifel an der Todesursache

Eine auf Wunsch der Familie Heß vom deutschen Gerichtsmediziner Wolfgang Spann zwei Tage nach Heß’ Tod vorgenommene Untersuchung des Leichnams ergab Widersprüche zum Inhalt des ersten Obduktionsberichtes. Laut Spann war die Ausrichtung der Strangulationsmale am Hals ungewöhnlich und deutete auf einen Tod durch Erwürgen, nicht durch Strangulieren, hin. Außerdem übte der Zweitobduzent deutliche Kritik an der fachlichen Einwandfreiheit des Erstgutachtens, da der Erstobduzent James Cameron keine Aussagen zur Lage von Quetschungen und massiven Blutungen im Bereich der Kehlkopfhörner gemacht habe. Letztere seien selbst bei Formen des atypischen Erhängens selten. Außerdem war die konkrete Auffindesituation ebenfalls nicht angegeben worden.
Dies ist für Mitglieder der Familie Heß ein Grund, von einem Mord an Heß durch den englischen Geheimdienst Secret Intelligence Service überzeugt zu sein. Großbritannien habe den Suizid lediglich vorgetäuscht, um Heß so zu beseitigen. Diese Ansichten wurden von anderen Heß nahestehenden Personen, wie dessen letzten Pfleger Abdallah Melaoui und dem ehemaligen Gefängnisdirektor Eugene Bird, geteilt.
Der 1982 eingestellte letzte Krankenpfleger, der Tunesier Abdallah Melaoui, entwickelte sehr bald ein Art auf Vertrauen basierendes Vater-Sohn-Verhältnis zu seinem alten und inzwischen auch gebrechlichen Patienten. Als Melaoui bemerkte, daß Heß neben Deutsch, Englisch und Französisch auch fließend Arabisch sprach, konnte man sich endlich auch in den mit Mikrophonen verwanzten Zellentrakten unterhalten, ohne daß die Bewacher mithören konnten. Als Melaoui erfuhr, daß Gorbatschow bereit sei, den alten Mann freizulassen, teilte er Heß diese Neuigkeit mit. Der stellte daraufhin ein entsprechendes Gesuch. Nachdem dieses eingereicht worden war, vertraute er Melaoui an: „Das ist mein Todesurteil!“ Er wußte, daß die Briten nicht zulassen konnten, den zwar körperlich durch viele Krankheiten geschwächten, aber geistig völlig klaren Heß vor den Toren des Gefängnisses auf die Weltöffentlichkeit treffen zu lassen, denn dann wäre das nicht passiert, was die „Daily Post“ am 18. August 1987 zu der Schlagzeile verführte: „ ‚Friedensstifter‘ Heß nimmt seine historischen Geheimnisse mit ins Grab“.[11]
Die ihn betreffenden Akten des britischen Staatsarchivs sind bis zum Jahr 2017 gesperrt.
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Die Angehörigen führten an, daß Heß, zum besagten Zeitpunkt 93 Jahre alt, kaum mehr ohne Hilfe seines Pflegers laufen, seine Schuhe binden oder die Arme über Schulterhöhe habe heben können, so daß ein Suizid absolut unmöglich gewesen sei.
Hierauf baut die These auf, es handele sich bei dem vorgetäuschten Suizid um ein Komplott der Briten. Das Deutsche Reich hatte für einen Frieden mit Großbritannien große Zugeständnisse machen wollen, aber Churchill sei zu einem Friedensschluß nicht bereit gewesen und habe den Krieg unbedingt fortsetzen wollen.
Grund dafür sei gewesen, daß Großbritannien den Krieg in Europa bereits verloren gehabt hatte und nur eine Wendung zu erreichen gewesen wäre, wenn die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion in den Krieg hineingezogen würden. Friedensverhandlungen seien daher nur zum Schein geführt worden, um diese bewußt in die Länge zu ziehen, wodurch das Deutsche Reich letztendlich gezwungen war, der Sowjetunion bei ihrem geplanten Überfall auf das Reich zuvorzukommen.
Mit einem so hochrangigen Verhandlungsführer, der direkt auf die Insel kam, hatte man jedoch nicht gerechnet. Daher wurde mit der Löschung der Landebahnbeleuchtung reagiert und Heß nach dessen Absturz festgenommen. Der später in Spandau inhaftierte Heß hatte der Öffentlichkeit dies nie berichten können, und da die Briten fest mit einem Veto der Sowjetunion gegen die vorzeitige Entlassung von Heß rechnen konnten, würde dies auch so bleiben und Heß im Gefängnis irgendwann sterben. Als dann in der Sowjetunion, unter Michail Gorbatschow, enorme Veränderungen eintraten, die auch eine Freilassung von Heß potentiell möglich machten, wollten die Briten dies unbedingt vermeiden. Daher wurde Heß ermordet, damit dieser nicht in der Öffentlichkeit darüber sprechen könne. Erst wenige Wochen vor seinem Tod hatte Heß ein Entlassungsgesuch an die Regierungen der vier Mächte verfaßt.
Rudolf Heß’ Krankenpfleger, Abdalla Melaouhi, meldete seinem Patienten mehrmals, daß vor dem Tor des Gefängnisses 100 oder mehr Demonstranten stünden, die seine Freilassung forderten. Auf die Frage, warum er sich nicht freue, antwortete Rudolf Heß: „Die tun da draußen genauso ihre Pflicht wie ich hier drinnen.“
Im September 2013 wurde von englischer Seite bestätigt, daß Rudolf Heß ermordet wurde.[12]

Nachwirken

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Als Friedensbote ist Heß heute eine deutsche Identifikationsfigur. Jährlich fand in Wunsiedel der Rudolf-Heß-Gedenkmarsch statt, üblicherweise unter großen Protesten der linksextremistischen Szene.
Mehr als zwei Jahrzehnte nach dem Tod von Rudolf Heß erschien in Paris das Buch „Les 7 de Spandau“ („Die Sieben von Spandau“) der französischen Journalistin Laure Joanin-Llobet, in dem mehrere Militärgeistliche zu Wort kommen, die für Heß und die anderen in Spandau Inhaftierten seit 1947 zuständig waren.
Am 20. Juli 2011, dem Jahrestag des Attentats auf Adolf Hitler, wurde das Familiengrab der Familie Heß auf Betreiben der evangelischen Kirchenführung eingeebnet und die sterblichen Überreste über dem Meer verstreut.
Der Gedenkstein für Heß in Schottland wurde zerstört.[13]

Zitate

  • „Der wahre Nationalismus müsse fordern, daß jeder einzelne des Volkes gesund an Körper und Geist sei, auf daß er, wenn nötig, bereit und fähig sei, seine Nation bis zum Letzten zu verteidigen – dies sei zugleich Sozialismus. Der wahre Sozialismus wiederum müsse fordern, daß die Nation stark sei, auf daß sie Leben und Besitz des einzelnen Volksgenossen zu schützen vermöge – das ist praktisch Nationalismus.“
  • „Ich weiß hunderprozentig, daß es Mord war."Eugene K. Bird, Ex-Gefängnisdirektor des Kriegsverbrechergefängnisses Berlin-Spandau

Filmbeitrag

Menschenansammlung vor dem sogenannten Spandauer Kriegsverbrechergefängnis einen Tag nach Rudolf Heß’ Tod
Geheimakte Heß“ nach dem Buch „Churchills Friedensfalle

Siehe auch

Literatur

Filme / Dokumentationen

Verweise

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Tondokumente

Schriften

Fußnoten

  1. Art. 32 ff. HLKO
  2. zitiert in: Rochus Misch: Der letzte Zeuge, Piper-Verlag, S. 116
  3. GREGORY DOUGLAS: GEHEIMAKTE GESTAPO-MÜLLER II. BAND
  4. vgl. Peter Kleist: Auch Du warst dabei! Vowinckel-Heidelberg, 1952, S. 305
  5. DER SPIEGEL 43/1963
  6. Der Spiegel, 22/2011, S. 38f.
  7. Nürnberger Prozeß, 216. Tag, Samstag, 31. August 1946, Vormittagssitzung
  8. Nürnberger Tribunal: Zweihundertsechzehnter Tag. Samstag, 31. August 1946
  9. Adolf Hitler in Institut für Zeitgeschichte (Hrsg.). Hitler – Reden, Schriften, Anordnungen: Der Hitler-Prozeß 1924. Teil 4: 19.–24. Verhandlungstag. hg. u. komm. v. Lothar Gruchmann u. Reinhard Weber. München: K. G. Saur, 1999. S. 1591. ISBN 3-598-11355-2
  10. Radio Bremen Eins – As Time goes by: 17. August 1987 – Der Stellvertreter trat ab
  11. Ich, ABDALLAH MELAOUHI, wohnhaft [gesperrt wegen Datenschutz], gebe folgende feierliche und aufrichtige Erklärung ab: Verweis zur Erklärung
  12. Rudolf Hess ‘murdered by British agents’ to stop him spilling wartime secrets (The Independent, 9. September 2013)
  13. 'Offensive' monument to Hess destroyed 'Offensive' monument to Hess is destroyed, Heraldscotland.com, 19. November 1993

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