Kurznachrichten

Wirtschaftsaufschwung geht am arbeitenden Bürger vorbei !

Der Wirtschaftsaufschwung dient nicht der gesamten Bevölkerung, sondern nur den Reichen: Die Gehaltskluft wird immer größer, die Geringverdiener werden immer mehr. Zu diesem Schluss kommt eine neue Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung.

Demnach sind die realen Netto-Einkommen zwischen 2000 und 2010 um 2,5 Prozentpunkte gesunken. 
Die Wissenschaftler beziehen sich bei ihrer Studie auf Daten des Sozio-ökonomischen Panels.



Umverteilung zulasten der unteren Einkommen?


Besonders die unteren Einkommen sollen betroffen sein: Wer, laut Studie, im Jahr 2000 real 270 Euro verdiente, ging 2010 nur noch mit 211 Euro nach Hause, also mit 59 Euro weniger. Bei einem Verdienst von 1073 Euro wäre das Realeinkommen in den vergangenen zehn Jahren um 110 Euro gesunken.
Manche werten diese Studie als ein Zeichen dafür, dass der Wettbewerb in Deutschland durch gnadenloses Lohndumping beherrscht wird. Andere wiederum erklären diese Ergebnisse damit, dass mehr Leute weniger für weniger Geld arbeiten würden.


Kommt der Aufschwung bei den Menschen an?


Die Wirtschaft in Deutschland wächst. Aber kommt dieser Aufschwung auch bei den Menschen an? Finden mehr Bürger Arbeit? Steigen neben den Konzerngewinnen auch die Löhne? Haben die Haushalte dadurch mehr Geld zur Verfügung?


2010 ist die Wirtschaft so stark gewachsen wie nie seit der Wiedervereinigung: um 3,6 Prozent. Im ersten Quartal 2011 lag das Bruttoinlandsprodukt sogar 4,9 Prozent höher als ein Jahr zuvor. Wie sich die Konjunktur weiter entwickelt, kann niemand verlässlich voraussagen. Doch alle führenden Institute prognostizieren für das Gesamtjahr 2011 einen anhaltenden Aufschwung. Die neueren Schätzungen gehen von einem Wirtschaftswachstum von mindestens 2,5 Prozent für 2011 und weiteren etwa zwei Prozent im kommenden Jahr aus. Aber kommt dieser Aufschwung auch bei der arbeitenden Bevölkerung an? Und wie lässt sich das messen?

Mehr Geld, feste Stelle oder überhaupt ein Job

Wer arbeitslos ist, wünscht sich vermutlich einen Job. Wer eine befristete Stelle hat, möchte dauerhaft übernommen werden. Wer bereits einen festen Job hat, möchte vielleicht, dass er auch sicher bleibt. Und mehr Geld wünscht sich wohl jeder. Der Wirtschaftsaufschwung besitzt das Potenzial, zumindest mittelfristig die materiellen Lebensgrundlagen der Menschen in Deutschland zu verbessern - wenn er anhält.


Betrachtet man die Zahl der Arbeitsplätze, sieht es bereits gut aus. Von Januar bis März gingen so viele Menschen einer Arbeit nach wie noch nie in einem ersten Quartal seit der Wiedervereinigung: Es gab 40,4 Millionen Erwerbstätige und damit 552.000 mehr als ein Jahr zuvor. 27,9 Millionen Menschen waren laut den aktuellsten Zahlen von Februar sozialversicherungspflichtig beschäftigt - und damit fast 700.000 mehr als vor einem Jahr. Der Aufschwung kommt auf dem Arbeitsmarkt an, das zeigen die Statistiken der Bundesagentur für Arbeit (BA). Im April sank die Zahl der Arbeitslosen auf 3,078 Millionen, das ist der niedrigste Stand für diesen Monat seit 19 Jahren. Im weiteren Jahresverlauf wird die Arbeitslosenzahl nach allen Prognosen unter drei Millionen sinken.

Zahlen zu Lohnsteigerungen sind manchmal relativ...

 Ein weiteres Indiz für die Teilhabe der Bevölkerung am Aufschwung ist die Lohnentwicklung. Die von den Arbeitgebern gezahlten Bruttolöhne und -gehälter stiegen im ersten Quartal so stark wie seit 19 Jahren nicht mehr, im Vergleich zum Vorjahr um 4,4 Prozent.

Der Direktor des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Gustav Horn, relativiert die Zahl allerdings: Denn dieser Wert beziehe sich auf die gesamte Lohnsumme und habe vor allem wegen der höheren Anzahl der Beschäftigten zugenommen, weniger durch Lohnerhöhungen. Tatsächlich stiegen die Bruttolöhne und -gehälter je Arbeitnehmer nur um 2,8 Prozent. Nach Abzug von Steuern und Sozialabgaben fiel das Plus bei den Nettolöhnen und -gehältern mit 1,5 Prozent im Vorjahresvergleich noch einmal deutlich niedriger aus. Zudem profitierten die Beschäftigten in den verschiedenen Branchen in sehr unterschiedlichem Maße von Lohnerhöhungen.


... und vielleicht bald von der Inflation aufgefressen

Mehr Geld im Portemonnaie bedeutet aber nicht unbedingt, dass man mehr ausgeben kann. Denn die Lohnsteigerung kann unter der Inflationsrate liegen. Diese wird für das laufende Jahr momentan auf 2,4 bis 3,0 Prozent geschätzt. Seit Jahresbeginn lag sie immer bei mindestens zwei Prozent und übertraf damit die jüngsten Anstiege bei den Nettolöhnen. Frank Hechtner, Steuerexperte der Freien Universität Berlin, kann sich vorstellen, "dass die Netto-Stundenlöhne bei vielen im XXL-Jahr real sinken könnten".
Neben der Inflation schmälern auch steigende Sozialabgaben und die Steuerprogression die Wirkung von Lohnerhöhungen. Der Präsident des Steuerzahlerbundes, Karl Heinz Däke, rechnet vor, dass vor allem kleinere Einkommen betroffen sind: Ein Ehepaar, das 30.000 Euro jährlich verdient, und 2,5 Prozent mehr Lohn bekommt, zahle elf Prozent mehr Steuern - ein Effekt der sogenannten kalten Progression.

Kalte Progression

Von kalter Progression spricht man, wenn eine Lohnsteigerung zwar zu einer höheren Steuerbelastung aber nicht zu einem höheren Realeinkommen führt. Das hat mit dem Zusammenspiel von Inflation - also der Geldentwertung und Preissteigerung - und dem progressiven Verlauf der Einkommenssteuertarife zu tun.

Nach deutschem Steuerrecht wird (oberhalb des Grundfreibetrags und unterhalb des Spitzensteuersatzes) jeder zusätzlich verdiente Euro mit einem höheren Satz besteuert. Wenn die Löhne steigen, die Steuersätze aber nicht verändert werden, wachsen immer mehr Arbeitnehmer in höhere Steuersätze hinein. De facto ist die kalte Progression also eine versteckte Steuererhöhung.

Damit sich Arbeitnehmer tatsächlich mehr leisten können, muss die Gehaltserhöhung deutlich über der Inflationsrate liegen. Ansonsten sorgt der Effekt der kalten Progression dafür, dass sie sich nach einer Einkommenserhöhung real - also unter Berücksichtigung der Inflation - nicht mehr oder im Extremfall sogar weniger leisten können als vorher.

Wirkung des Aufschwungs unterschiedlich

Doch nicht nur die Regierung, sondern auch gewerkschaftsnahe Forscher gehen davon aus, dass die Menschen in Deutschland grundsätzlich vom Aufschwung profitieren. IMK-Direktor Horn sagt im Gespräch, man müsse hoffen, dass der Aufschwung auch anhalte. Dann würden die Arbeitgeber auch mehr Menschen in Vollzeit und dauerhaft einstellen. Das zeigten Beobachtungen aus der Vergangenheit. Noch sei ein dauerhafter Aufschwung aber nicht sicher. Er könnte auslaufen, zum Beispiel, wenn die Eurokrise nicht gelöst werde.
"Der Aufschwung ist noch nicht in voller Blüte bei den Menschen angekommen, jedenfalls dieses Jahr nicht", sagt Horn. Noch gebe es zu viele unsichere oder zu schlecht bezahlte Beschäftigungsverhältnisse. Auch BA-Chef Weise kritisierte die Struktur der neu entstandenen Arbeitsplätze: In den vergangenen zehn Jahren seien viele befristete Jobs, Teilzeitstellen und nicht so gut bezahlte Arbeitsplätze entstanden.

Leiharbeit macht unsicher

Zu diesen befristeten und schlechter bezahlten Arbeitsformen gehört die Leiharbeit. Die Zahl der Stellen in diesem Bereich stieg binnen eines Jahres um 31,9 Prozent. Nach Angaben des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) bekommen Leiharbeiter durchschnittlich 20 Prozent weniger Lohn als fest angestellte Kollegen in vergleichbaren Jobs. Und sie werden in Krisenzeiten als erste entlassen.
 
IAB-Direktor Joachim Möller sagt: "Die Arbeitswelt driftet auseinander". IAB-Befragungen zeigen, dass sich Leiharbeiter und befristet Beschäftigte weniger in die Gesellschaft integriert fühlen als Festangestellte. Wolfgang Völker vom Diakonischen Werk in Hamburg ergänzt: "Es ist nicht so, dass irgendeine Arbeit auf jeden Fall besser ist als gar keine. Wer schlecht bezahlt ist oder unter seiner Qualifikation eingestellt wird, fühlt sich nicht anerkannt. Und er hat nicht das Gefühl, dass er vom Aufschwung profitiert."
Führt Leiharbeit wenigstens in eine feste Beschäftigung? Tatsächlich ist sie für manche eine Chance. Forschungsergebnisse des IAB zeigen: Wer einen Job als Leiharbeiter hatte, ist hinterher seltener arbeitslos als vorher. Jeder vierte Leiharbeiter war in den zwei Jahren vor der Beschäftigung mindestens die Hälfte der Zeit arbeitslos. In den zwei Jahren danach war weniger als jeder Fünfte so lange ohne Arbeit. "Leiharbeit ist zwar keine breite Brücke, aber zumindest ein schmaler Steg in Beschäftigung", sagt IAB-Direktor Möller.


Immer mehr Hartz-IV-Aufstocker


Immer mehr Menschen profitieren vom Aufschwung, indem sie eine bezahlte Arbeit finden. Aber bei vielen reicht das Geld trotz des Jobs nicht für den Lebensunterhalt. Knapp 1,4 Millionen Beschäftigte sind auf zusätzliche Hartz-IV-Leistungen angewiesen. Das sind 4,4 Prozent mehr "Aufstocker" als im Vorjahr und 13 Prozent mehr als 2007. 350.000 Beschäftigte brauchen sogar Hilfe, obwohl sie Vollzeit arbeiten. Besonders stark stieg der Anteil der Aufstocker bei Selbstständigen, Teilzeit-Angestellten und Minijobbern.
DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach empört das: "Es ist ein Unding, dass Arbeitgeber Millionen Beschäftigten Hungerlöhne zahlen, die dann aus Steuermitteln aufgestockt werden". Die Bundesregierung verweist aber darauf, dass viele Langzeitarbeitslose zu "Aufstockern" werden und damit den Anschluss an den Arbeitsmarkt finden. Handlungsbedarf könne es umgekehrt geben, wenn immer mehr arbeitende Menschen in Hartz IV rutschen würden. Die Gesamtzahl der Menschen, die dauerhaft auf Hartz IV angewiesen sind, sinkt trotz des Wirtschaftsbooms nur langsam. Sie ging von Januar 2010 bis Januar 2011 um 1,4 Prozent zurück. Insgesamt sind 6,5 Millionen Menschen betroffen.

Die Arbeitnehmer haben zum Aufschwung beigetragen

Ein großer Teil der deutschen Arbeitnehmer profitiert unter dem Strich vom Wirtschaftsboom. Viele Menschen haben die Chance, ihre wirtschaftliche Situation zumindest etwas zu verbessern. Aber viele sind immer noch in unsicheren oder prekären Arbeitsverhältnissen. Entscheidend ist, dass der Aufschwung anhält.
Denn eines sollte man nicht vergessen: Der Wirtschaftsaufschwung in Deutschland hat mit der guten Wettbewerbsfähigkeit zu tun. Dazu haben in den vergangenen Jahren die Arbeitnehmer beigetragen - mit ihrer Lohnzurückhaltung. Im vergangenen Jahrzehnt stiegen die Tariflöhne um 24 Prozent und damit deutlich langsamer als im EU-Schnitt. Die Preise in Deutschland legten im selben Zeitraum um mehr als 28 Prozent zu. Unter dem Strich sanken die realen Bruttoverdienste der Beschäftigten damit um durchschnittlich vier Prozent.